Bidirektionales Laden ist technisch längst mehr als ein Zukunftsversprechen – doch der Markt steht noch ganz am Anfang. In der neuen Folge von „eMobility Insights“ erklärt Jörg Heuer, Gründer und CEO der Münchner Ladeinfrastruktur-Softwareschmiede EcoG, wo Vehicle-to-Grid heute wirklich steht – und warum der größere Hebel womöglich nicht in der heimischen Garage, sondern in Flotten, Depots und Betriebshöfen liegt.
Für Heuer ist die bidirektionale Wallbox aus Entwicklersicht weitgehend fertig. Beim DC-Laden in Europa seien die technischen Grundlagen inzwischen so weit, dass nun vor allem gelernt werden müsse, wie sich die Systeme wirtschaftlich und für die Nutzer sinnvoll in den Markt integrieren lassen. „Ich glaube nicht, dass die 700 Euro das Ende der Verhandlungen sind“, sagt Heuer mit Blick auf erste Vergütungsmodelle für private V2G-Anwendungen. Entscheidend werde sein, welchen monetären Wert Flexibilität künftig tatsächlich erhält.
Deutlich größer erscheint das Potenzial jedenfalls im kommerziellen Bereich. Elektrische Lkw, Busse und Flotten bringen deutlich mehr gebündelte Batteriekapazität mit – und ihre Betriebsabläufe sind häufig planbarer. Genau diese Kombination könnte bidirektionales Laden für Flottenbetreiber vom technischen Zusatznutzen zum handfesten Geschäftsmodell machen: „Planbarkeit und Größe der Kapazität, die zur Verfügung steht pro Zeit, macht das Szenario natürlich sehr interessant“, sagt Heuer.
Denn Strom ist für Heuer weit mehr als ein einfacher Kilowattstundenpreis: Netzanschluss, kurz- und langfristiger Energiehandel sowie Netzdienstleistungen eröffnen unterschiedliche Optimierungsmöglichkeiten. EcoG geht davon aus, dass sich durch das Zusammenspiel von stationärem Speicher, Netzanschluss und der nutzbaren Restkapazität in Fahrzeugbatterien „in etwa 50 bis 60 Prozent der Betriebskosten der Mobilität optimieren“ lassen. Voraussetzung dafür sind allerdings Ladeinfrastrukturen, die nicht starr für einen einzigen Anwendungsfall gebaut werden, sondern über Jahre neue Funktionen integrieren können.
Damit rückt natürlich die Software in den Fokus: Unterschiedliche Fahrzeuge, ISO 15118-20, proprietäre Implementierungen, Ladehardware und Energiemanagement müssen zusammenspielen – und sich künftig weiterentwickeln lassen. Heuers These: „CO2-Saving, genauso wie Kostsaving, ist eine Softwarefunktion.“ Perspektivisch könnte auch KI dabei helfen, die immer komplexeren Energie- und Betriebsprozesse zu optimieren.
Im Podcast geht es außerdem um offene versus proprietäre Systeme, die langfristige Aufrüstbarkeit von Ladehardware, die Rolle des Elektrohandwerks und die alte Technik-Frage, die uns seit der Entstehung der Elektromobilität begleitet: AC oder DC?
Am Ende weitet V2G-Experte Jörg Heuer, der mit Ladeinfrastruktur-Projekten weltweit aktiv ist, den Blick auf das Jahr 2030: Wie selbstverständlich wird bidirektionales Laden dann in privaten Energiesystemen und kommerziellen Flotten sein? Die Antwort gibt’s in dieser Folge von „eMobility Insights“ im Rahmen der electrive-Themenwoche Bidirektionales Laden. Viel Spaß beim Hören!